Gold- und Rohstoff-ETPs
Warum Ihr Gold-„ETF“ kein ETF ist – und warum das kein Problem ist
Normale Fonds werden durch Diversifikationsregeln definiert: UCITS verbietet einem Fonds, praktisch nur aus einem einzigen Metall zu bestehen; US-Fonds nach dem '40 Act unterliegen ähnlichen Einschränkungen. Die Branche hat dafür eine elegante Lösung gefunden:
- Europa: der ETC (Exchange-Traded Commodity). Rechtlich ist er eine von einer Zweckgesellschaft ausgegebene Schuldverschreibung, besichert durch physisches Gold, das bei einer Verwahrstelle liegt – typischerweise zugeordnete, nummerierte Barren in Londoner Tresoren – und an der Börse genau wie ein ETF gehandelt wird. Die Einordnung als Schuldverschreibung klingt zunächst beunruhigend, ist es aber nicht: Ihr Anspruch ist durch das Metall selbst besichert, insolvenzfern vom Emittenten strukturiert, und Barrenlisten werden veröffentlicht. Manche ETCs ermöglichen sogar die physische Auslieferung.
- USA: der Grantor Trust (SPDR Gold Shares, GLD, der Meilenstein von 2004 aus Kapitel 2, sowie seine günstigeren Nachfolger). Der Trust besitzt die Barren; Ihre ETF-ähnlichen Anteile repräsentieren einen Anteil am Trust. Wirtschaftlich dasselbe, rechtlich ein anderes Kostüm.
In beiden Fällen entspricht die Rendite eines physisch besicherten Gold-ETPs dem Goldpreis in Ihrer Währung, abzüglich einer Gebühr von ungefähr 0,12–0,40 % pro Jahr. Diese Gebühr wird typischerweise dadurch bezahlt, dass der Trust nach und nach winzige Mengen Metall verkauft; die Goldmenge je Anteil sinkt daher konstruktionsbedingt langsam. Die Abbildung ist eng, das Produkt tut, was auf dem Etikett steht, und die Lektion aus Kapitel 1 – „die Hülle ist nur ein Behälter“ – zeigt sich hier besonders klar: Dieser Behälter funktioniert hervorragend. Ob Gold selbst einen Platz in Ihrem Portfolio verdient, ist die separate Frage weiter unten.
Breite Rohstoffe: die Futures-Mechanik und ihre tatsächlichen Kosten
Niemand lagert Rohöl, Lebendrinder und Erdgas für ein Privatanlegerprodukt im Tresor. Breite Rohstoff-ETPs halten deshalb Futures-Kontrakte und rollen sie vor Fälligkeit in spätere Laufzeiten. Genau daraus entsteht die Lücke, die eine Generation von Käufern enttäuscht hat:
- Ihre Rendite = Veränderung des Spotpreises + Rollrendite + Zinsen auf Sicherheiten. Der mittlere Bestandteil ist die Falle: Sind länger laufende Futures teurer als kurzfristige (Contango, in vielen Märkten der Normalzustand, weil Lagerung Geld kostet), verkauft das Produkt bei jedem Rollvorgang billig und kauft teuer. Das kann dauerhaft mehrere Prozent pro Jahr kosten. Im umgekehrten Zustand (Backwardation) arbeitet der Rollvorgang zu Ihren Gunsten.
- Das klassische Anschauungsbeispiel sind Zeiträume, in denen der Spotpreis von Öl über ein Jahr stieg, während Öl-Futures-ETPs Geld verloren. Die gesamte Differenz entstand durch Rollkosten. Das Produkt bildete seinen Futures-Index korrekt ab; die Käufer glaubten nur, sie hätten den Chart aus den Schlagzeilen gekauft.
Moderne Indizes mit „optimiertem Rollmechanismus“ können diesen Gegenwind reduzieren, aber die Physik nicht abschaffen. Das Urteil dieses Kapitels lautet: Futures-basierte Rohstoff-ETPs sind legitime professionelle Instrumente, deren Rendite eine Futures-Strategierendite ist – nicht die Spotpreisrendite. Wer kauft und das für dasselbe hält, kauft ein Missverständnis inklusive Gebühr. (Gehebelte Rohstoff-Notes und einzelne Rohstoff-Futures-Produkte verstärken alles, was hier beschrieben wird; Teil III behandelt sie.)
Verdient Gold überhaupt einen Platz? Die faire Anhörung
Nach unseren Hausregeln zunächst beide Seiten, dann unsere Sicht.
Das Argument dafür: Gold hat über sehr lange Zeiträume Kaufkraft erhalten, korreliert nur schwach mit Aktien und Anleihen, ist in Inflationsschocks und Krisen wiederholt gestiegen (nach 2008, 2020, im für Anleihen schwierigen Jahr 2022), trägt in physischer Form kein Gegenpartei- oder Ausfallrisiko, und die Umsetzung über ETPs ist günstig und sauber.
Das Argument dagegen: Gold produziert nichts – keine Kupons, keine Gewinne, keinen Zinseszinseffekt. Seine erwartete langfristige Realrendite liegt deshalb grob bei null plus etwas, und jahrzehntelange Durststrecken können brutal sein (1980–2000 rund 70 % realer Verlust). Auch sein Krisenverhalten ist häufig hilfreich, aber nicht verlässlich immer.
Unsere Sicht, ausdrücklich als solche gekennzeichnet: Gold ist ein optionaler Stabilisator und Diversifikator. 0–10 % eines Portfolios sind für Anleger vertretbar, die seine speziellen Versicherungseigenschaften schätzen und es auch durch langweilige Jahrzehnte halten werden. Es ist aber weder Wachstumsmotor noch Kerninvestment. Der beste Hinweis darauf, ob Gold Ihnen hilft, ist nicht der Goldpreis – sondern ob Sie es als Versicherung dimensioniert oder als Wette gekauft haben.
Ein Rechenbeispiel
Priya investiert €10.000 (5 % ihres Portfolios) bewusst in Gold als Versicherung.
- Sie wählt einen physisch besicherten ETC mit zugeordnetem Goldbestand für 0,15 % pro Jahr, prüft Barrenliste und Verwahrinformationen und nimmt als Anlegerin in Deutschland mit stiller Zufriedenheit die Ein-Jahres-Frist zur Kenntnis.
- Ihr Kollege kauft nach einer Inflationsschlagzeile ein breites Futures-Indexprodukt, um „in Rohstoffe zu diversifizieren“, ohne sich jemals mit dem Wort Contango beschäftigt zu haben. Zwei Jahre später liegen die Spot-Rohstoffindizes 9 % im Plus, sein Produkt aber nur 2 %; die Differenz sind Rollkosten, die genau so wirken, wie dokumentiert. Kaputt war nichts außer der Annahme, auf der der Kauf beruhte.
- Priyas Gold tut unterdessen, was Versicherungen tun: meistens nichts, gelegentlich alles. Ihre schriftliche Anlagerichtlinie aus Kapitel 19 enthält bereits den Satz, der dafür sorgt, dass sie es auch in langweiligen Jahren behält: Eine Versicherung beurteilt man über das Jahrzehnt, nicht über das Quartal.
Die wichtigsten Punkte
- Einzelrohstoffprodukte können keine normalen Fonds sein: Europa verpackt physisches Gold in besicherte ETCs, die USA in Grantor Trusts. Beide liefern den Metallpreis abzüglich 0,12–0,40 % sauber an den Anleger weiter.
- Breite Rohstoff-ETPs halten Futures: Rendite = Spot + Roll + Sicherheitenverzinsung. Der Rollverlust im Contango ist der strukturelle Grund, warum solche Produkte hinter den Charts in den Schlagzeilen zurückbleiben können. Kaufen Sie die Strategie bewusst – oder gar nicht.
- Das ehrliche Profil von Gold: langfristig ungefähr null erwartete Realrendite, echte Versicherungsqualitäten in Krisen und Inflationsphasen, aber auch jahrzehntelange Durststrecken. Unsere Sicht: 0–10 % als bewusst dimensionierte Versicherung, nie als Kerninvestment.
- Steuern sind regional und können viel ausmachen: US-Collectibles-Sätze von bis zu 28 % stehen deutschen physischen ETCs gegenüber, die nach einem Jahr steuerfrei sein können. Prüfen Sie Ihre Regeln vorher, nicht nachher.
- Die Lektion über die Anlagehülle in Reinform: Diese Behälter sind hervorragend; die Aufgabe des Inhalts entscheidet alles.
FAQ
Ist mein ETC sicher, wenn der Emittent ausfällt?
Das Metall als Sicherheit ist getrennt verwahrt und zugunsten der Anleger verpfändet; die Struktur ist bewusst insolvenzfern. Ein Ausfall des Emittenten wäre vor allem ein Aufwand bei der Abwicklung, nicht der Verlust des Metalls. Prüfen Sie „physically backed, allocated“ und die Veröffentlichung einer Barrenliste.
Gold-ETC oder Münzen kaufen?
Der ETC gewinnt bei Spreads, Lagerung, Versicherung und Verkaufsaufwand; Münzen gewinnen dadurch, dass Sie sie in der Hand halten können. Für Portfoliozwecke behandelt dieses Buch den ETC als Standard und Münzen als persönliche Präferenz.
Silber, Platin, „Edelmetallkörbe“?
Dieselben Hüllen, stärkere Preisschwankungen, deutlich mehr industrielle Nachfragekomponente und nichts von Golds monetärer Geschichte. Wenn überhaupt Satelliten, entsprechend klein dimensioniert.
Sollte ich einen währungsgesicherten Gold-ETC kaufen?
Gold wird effektiv in Dollar bepreist; eine Absicherung verändert, welchen Goldpreis in welcher Währung Sie erhalten. Für eine Versicherungskomponente in einem Euro-Portfolio ist eine ungesicherte Position für die meisten Anleger sinnvoll (das Schema aus Kapitel 49 gilt).
Sind „Goldminen-ETFs“ Gold-Exposure?
Nein. Das sind Aktienfonds mit Bergbauunternehmen, deren operative Gewinne zwar auf Gold reagieren, deren Kurse sich aber zugleich wie Aktien verhalten. Anderes Kapitel, anderes Risiko, andere Aufgabe.
Quellen & weiterführende Literatur
- Anbieterunterlagen: SPDR Gold Shares (Trust-Struktur), physische Gold-ETCs von Invesco/iShares/Xtrackers (Besicherung, Zuordnung, Auslieferung; Tier-1B, gegengeprüft)
- World Gold Council (Goldhub): langfristige Goldrenditen und Korrelationsdaten
- Indexmethodik optimierter Rohstoff-Rollindizes (Bloomberg Commodity, GSCI-Varianten): Rollmechanik
- IRS-Behandlung von Metall-Trusts als Collectibles; deutsche BFH-Rechtsprechung zu physisch auslieferbaren Gold-ETCs (Überblick)
- Kapitel 11 (Swapstrukturen), 49 (Währung) und 73 (ETP-Taxonomie) dieser Website als umgebender Rahmen